21. Feb. 2008, 01:02
Anne-Catherine Simon schreibt kluge und lesenswerte Dinge in dem Artikel Tod des Lexikons: Zwischen allen Buchdeckeln ist Ruh’, der morgen heute in der Wiener “Die Presse” erscheint. Zwei Punkte möchte ich hervorheben und kommentieren:
Wissen war noch nie so dezentral. […] Um das Wikipedia-Wissen zu eliminieren, müsste man nicht nur weltweit alle Wikipedia-Server zerstören, sondern auch jeden Computer, PDA, Speicherstick.
Sehe ich kurzfristig auch so, und dann auch folgerichtig:
Das gedruckte Wissen brauchen wir heute vor allem als Rettungsanker: für den Fall, dass eine globale Katastrophe uns in vorelektrische Zeiten zurückwirft.
Spannender Punkt, leider geht Frau Simon auf dieses tatsächliche Problem dann nicht weiter ein. Für die real existierenden “elektrischen Zeiten” postuliert sie gar:
Auch die Konvertierung in immer neue Daten-Formate ist lösbar.
Da macht sie die Rechnung ohne die ungestüme Kreativität der MediaWiki-Entwickler und der Poweruser der Wikipedia. Die Daten der Wikipedia sind in absehbarer Zeit an MediaWiki und an das Template-CSS-JS-Tralala-Knowhow der Poweruser gebunden. Tendenz steigend. Inhalte, die mit Hilfe von verschachtelten, rechnenden, durch if-Abfragen programmierbaren Templates mit Inline-Styles dargestellt werden müssen, kleben an beiden Enden stark an MediaWiki bzw. dem Browser. Vielleicht sollte man bei Wikipedia nochmal von vorne anfangen und alles mit einem klaren Markup mit zusätzlicher Semantik versehen? Mein’ ja nur. Ich sehe sonst schwarz für die Nutzbarkeit der Daten im Jahr 2025, geschweige denn 2050, sofern dies noch eine “elektrische Zeit” ist.
Es sind viele, naturgemäß meist schreckliche Szenarien denkbar, warum die Menschheit oder ein Teil davon im Jahr 2050 mit elektrischen Medien nichts mehr anfangen können, wollen oder dürfen. Bücher sind robuster; je höher die Auflage desto wahrscheinlicher ist die Verfügbarkeit im Bedarfsfall. Wird das Wissen der Welt zwischen den Jahren 2010 und 2050 nicht mehr gedruckt, fällt dieses Wissen nach einem halben Weltuntergang 2050 weg. Globaler Festplattencrash. Perl-Mönche werden in einem abgelegenen Kloster in Nepal zwischen 2070 und 2100 die elektrische Wikipedia 2.0 rekonstruieren. (2150 ist dann alles wieder gut.)
Eine in Auflage gedruckte Wikipedia in 100 Bänden wird es wohl nie mehr geben. Eigentlich schade drum, man hätte so der Nachwelt den Stand 2010 als 10.000-20.000-fache Sicherungskopie überlassen können.
Was aus vielerlei Gründen nicht in Auflage machbar ist, geht vielleicht On Demand. Müsste man nicht z.B. jedes Jahr einen Wikipedia-Komplettausdruck in 10-20 Exemplaren in Print-on-Demand-Technik anfertigen? Ein seriöser Dienstleister könnte einigen ernsthaften Bibliotheken und Archiven ein unwiderstehliches Angebot machen. Folianten mit platzsparendem Druck, blaue Einbände für die Lexikonbände, rote für die Bände mit der Versionsgeschichte.