Aus Byrons Manfred

[616] Bannfluch


Wenn der Mond ist auf der Welle,

Wenn der Glühwurm ist im Gras

Und ein Scheinlicht auf dem Grabe,

Irres Licht auf dem Morast,

Wenn die Sterne fallend schießen,

Eule der Eul erwidernd heult

Und die Blätter schweigend ruhen

An des dunkeln Hügels Wand,

Meine Seel sei auf der deinen

Mit Gewalt und Zeichenwink!


Ist dein Schlummer noch so tief,

Kommt dein Geist doch nie zum Schlaf.

Da sind Schatten, die nicht schwinden,

Da Gedanken, die nicht bannest.

Die Gewalt, die du nicht kennest,

Läßt dich nimmermehr allein.

Bist ins Leichentuch gewindelt,

Eingehüllt in einer Wolke,

Und für immer, immer wohnst du

In dem Geiste dieses Spruchs.


Siehst mich nicht vorübergehen,

Fühlst mich doch in deinem Auge

Als ein Ding, das ungesehen

Nah dir sein muß, wie es war;

Und wenn du, geheim durchschaudert,

Deinen Kopf umwendend blickest,

Sollst dich wundern, daß nicht etwa

Wie ein Schatten bin zur Stelle;

Nein! die Kraft, die du empfunden,

Ist, was sich in dir verbirgt.
[616]

Und ein Zauberwort und Lied

Taufte dich mit einem Fluch,

Und schon hat ein Geist der Luft

Dich umgarnt mit einer Schlinge.

In dem Wind ist eine Stimme,

Die verbeut dir, dich zu freuen.

Und wenn dir die Nacht versagt

Ihres reinen Himmels Ruhe,

Bringt der Tag eine Sonn herauf,

Wär sie nieder! wünschest du.


Deinen falschen Tränen zog ich

Tödlichste Essenzen aus,

Deinem eignen Herzen sog ich

Blut, das schwärzeste, vom Quell,

Deinem Lächeln lockt ich Schlangen,

Dort geheim geringelt, ab,

Deinem Lippenpaar entsaugt ich

Allerschlimmstes aller Gifte.

Jedem Gift, das ich erprobet,

Schlimmer ist dein eignes doch.


Bei deiner kalten Brust, dem Schlangenlächeln,

Der Arglist unergründlichem Schlund,

Bei dem so tugendsam scheinenden Auge,

Bei der verschlossenen Seele Trug,

Bei der Vollendung deiner Künste,

Dem Wahn, du tragest ein menschliches Herz,

Bei deinem Gefallen an anderer Pein,

Bei deiner Kains-Bruderschaft

Beschwöre ich dich und nötige

Dich, selbst dir eigne Hölle zu sein!


Auf dein Haupt gieß ich die Schale,

Die dich solchem Urteil widmet:[617]

Nicht zu schlafen, nicht zu sterben

Sei dein dauernd Mißgeschick;

Scheinbar soll der Tod sich nahen

Deinem Wunsch, doch nur als Grauen.

Schau! der Zauber wirkt umher dir,

Dich geklirrlos fesselt Kette;

Über Herz und Hirn zusammen

Ist der Spruch ergangen – schwinde!

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 616-618.
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