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[9] Es war schon um die eilfte Vormittagsstunde des folgenden Tages, als Wally unter den Händen ihres Kammermädchens saß und ihr Haar flechten ließ. Sie hatte einen kleinen Tisch vor sich gerückt, worauf die Erzeugnisse der neuesten Literatur lagen. Natürlich kamen sie frisch aus dem Buchladen; anständige Leute lesen nicht aus Leihbibliotheken.

Sie blätterte in dem jüngsten Musenalmanach von Schwab und Chamisso. »Diese guten Waldsänger«, sprach sie vor sich hin, »nehmen sich die Freiheit, sehr ennuyant zu sein. Wenn uns die Reime nicht in einer Art von melodischer Spannung hielten, die Monotonie der Gefühle und Anschauungen wäre tödlich. Ich ziehe Prosa vor. Heines Prosa ist mir lieber als Uhland und sein ganzer Bardenhain.«

Sie griff nach Heines »Salon«, zweiter Band. »Willst du Philosophie studieren, Aurora?« fragte sie ihr Kammermädchen: »Hier sind all die gelehrten, bemoosten Karpfen der deutschen Philosophie mit Frühlingspetersilie und Vanille zubereitet. Man sollte die Bonbons in Aphorismen aus Heines ›Salon‹ einschlagen. Welch gesunkenes Volk müssen die Franzosen sein, daß sie gerad auf der Stufe in den Wissenschaften stehen, wo in Deutschland die Mädchen.«

Einige Schriften vom jungen Deutschland lagen zur Hand, von Wienbarg, Laube, Mundt. »Wienbarg ist zu demokratisch: ich habe nie gewußt, daß ich vom Adel bin«, sagte sie; »aber mit Schrecken denk' ich daran, seit ich diesen Autor lese. Laube scheint den Adel nicht abschaffen, sondern überflügeln zu wollen. Doch bleibt es[9] arg: er ist zudringlich. Er gibt sich in seinen Schriften das Ansehen, als kenne er jede seiner Leserinnen und verlange von ihr eine Hingebung, um die er nicht einmal bittet. Mundt goutier' ich nur halb: denn er wird, je mehr er sich selbst klarzuwerden scheint, für andere immer unverständlicher. Verstehst du, Aurora?«

Aurora hatte etwas in den Mund bekommen und mußte abscheulich husten. Wally lachte.

Unter den Büchern lag zuletzt die neueste Lieferung der »Carlsruher Bilderbibel«, auf welche Wally abonniert hatte.

»Wie sonderbar doch das Christentum auf Velinpapier aussieht!« sagte sie zu sich selbst. »Dienen diese Kupfer zu etwas anderem, als die Aufmerksamkeit noch mehr von dem heiligen Buche abzulenken! Siehe, da steht ein Druckfehler! Ein umgekehrter Buchstabe! Es ist hübsch, in der Bibel Irrtümer zu entdecken.«

Wally sahe nur auf das Äußre, auf den Einband, dann las sie etwas. Sie las einige Verse, ein halbes Kapitel und fragte ihr Mädchen, wann sie zuletzt in der Kirche gewesen wäre?

Aurora war nicht frivol: sie war vor vier Wochen dagewesen.

Wally las, ohne zu hören. Dann fragte sie: »Warum bist du so still?«

Aurora war nicht mehr im Zimmer: Wally blickte sich scheu um und las weiter. Ihr Auge haftete stier auf den Buchstaben: sie schlug eine Seite nach der andern um: dann lehnte sie sich zurück, eine Träne stand in ihrem Auge. Sie sah mit einem flehenden, verzweifelnden Blick auf den kleinen Tisch, der so viel Widersprechendes friedlich umschloß. Sie stützte den Kopf auf die Lehne ihres Sessels; es war Sonntag. Die Glocken läuteten, aus der nahen Kirche brausten die Töne der Orgel herüber. Wally war in Tränen aufgelöst. Kann man dem Himmel ein schöneres Opfer bringen? Diese Tränen flossen aus dem Weihebecken einer unsichtbaren Kirche.[10] Die Gottheit ist nirgends näher, als wo ein Herz an ihr verzweifelt.

Aurora kam zurück. Es war Besuch im Gesellschaftszimmer. Wally hätte absagen müssen; aber sie war willenlos. Sie fand die Ritter von den fünf Ringen, einige von ihnen leicht verwundet.

Wally erschrak, als sie von dem Vorfalle hörte. Cäsar war am Arme blessiert. Aber schon die Nachricht, daß keine Gefahr vorhanden sei, richtete sie auf; und wie in der menschlichen Seele Schmerz und Freude sich ergänzen und das Linderungsmittel des einen Übels auch alle übrigen Sorgen heilt, die mit ihm in keiner Verbindung standen, so wandte sie sich teilnehmend dem Gespräche zu. Es war fade, wie immer; aber verzeihlich der Tageszeit wegen. Man soll vor Tische von keinem Menschen verlangen, daß er geistreich sei.

Wally konnte lachen und lachte übermäßig.

Quelle:
Karl Gutzkow: Wally, die Zweiflerin. Stuttgart 1979, S. 9-11.
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