Schwank: Von dem frommen adel

[202] Als zu Frankfurt vor manchem jar

am Mein, der hauptstatte, da war

eins tags gehalten halsgericht

über gar ein jungen böswicht,

gar ein hurtigen reutersmon,

der war ein wolgestalt person,

von leibe schön, gerad und lang,

und het gar ein höflichen gang,

in der kleidung geschmuckt und sauber,

der war gewesen ein straßrauber,

über welchen Augspurg die stat

tausent gulden verbürget hat.

disem solt man den kopf abhauen,

ob welchem aber man und frauen

gar ser großes mitleiden het.

als man den verurteilen tet[202]

und zu dem gericht füret aus,

bracht in für ein großes wirtshaus,

darin vil fremdes adels lag,

solten da machen ein vertrag

mit der frenkischen ritterschaft.

nun dise waren auch behaft

in mitleiden und mit erbarmen,

als sie sahen ausfürn den armen,

so guter höflicher gestalt

und doch kaum zweinzigjerig alt;

da dauret sie das junge blut,

wurden zu rat und wolgemut

giengen hin für den öbern rat,

und da auf demütigest hat

der adel angelegt ein bit

und vermeint, dem jungen darmit

beim öbern rat hult zu erwerben,

das er nit müß so ellent sterben,

sonder würt von dem schwert erret.

der öber rat da fragen tet:

ir lieben getreuen, sagt an,

wist ir, was der jung hat getan,

darumb er sol werden gericht?

der adel sprach: das wiß wir nicht,

allein reut uns die jung person,

umb den doch warlich iedermon

ein sonderlich mitleiden hat.

darauf antwort der öber rat:

ir lieben getreuen, so wist,

das der jung ein straßrauber ist,

welcher den kaufleutn aus vertrauen

etlich wegen hat aufgehauen,

sie gfangen und geschetzet hart

mit seiner rot auf dem Spessart,

und hat auch sonst vil schadens ton;

darumb wolt wir in richten lon.

weil ir aber so große bit

anlegt, wöll wir in richten nit,[203]

sonder zu eren euch gemein

sol im das leben gschenket sein.

ganz quitledig all seiner bant,

iedoch sol er raumen das lant

und nimmermer kommen darein,

zu straf diser verhandlung sein.

als nun der adel an dem ort

vom öbern rat hört dise wort,

da sprachens gleich mit entsatzung:

wie? hat geraubet diser jung

die kaufleut schon auf dem Spessart,

und er ist doch nicht edler art?

das hab wir nicht gewust vorhin,

derhalb nur eilents mit im hin

und laßt im nur sein kopf abschlagen!

wolt der baurenknecht in den tagen

sich mit raub auf dem Spessart nern,

welches doch nur zustet mit ern

dem frommen adel aller masen,

den kaufleuten in busen blasen,

das im die gülden heraus stieben?

den die reisdienst gar hoch tunt lieben,

die bei in bleiben hin biß her

nur tapfer gute reutersmer.

darmit der from adel abschid

und war des urteils wol zu frid.


Der beschluß

Fro sollen des all kaufleut sein,

das alle straßen werden rein

in Franken, Beiern, Sachsen, Schwaben,

da selbst ist große achtung haben

der adel, das auf keiner straß

kein rauber mer auffragen laß,[204]

er sei denn von adelsgeschlecht,

das zu der tat hab fug und recht;

derhalb ist iezt gut sicher wandlen

gen Frankfurt und Leipzig zu handlen,

dergleich durch all gebirg und tal,

das vor unsicher war zu mal.

wer iezunt durch den Spessart züg

und golt auf seinem haupte trüg,

man nem im nicht ein birenstil.

darauf so laß sich, wer da wil;

doch hüt er sich vor ungemachs

auf allen straßen, ret Hans Sachs.


Anno salutis 1562. am 3. tag Julij.


Quelle:
Hans Sachs: Dichtungen. Zweiter Theil: Spruchgedichte, Leipzig 1885, S. 202-205.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Spruchgedichte (Auswahl)
Meisterlieder, Spruchgedichte, Fastnachtsspiele
Spruchgedichte: Auswahl

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Geistliche Oden und Lieder

Geistliche Oden und Lieder

Diese »Oden für das Herz« mögen erbaulich auf den Leser wirken und den »Geschmack an der Religion mehren« und die »Herzen in fromme Empfindung« versetzen, wünscht sich der Autor. Gellerts lyrisches Hauptwerk war 1757 ein beachtlicher Publikumserfolg.

88 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon